zur Startseite springen
English

Der öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige - ein Berufs- und Ethikbild

Öffentliche Bestellung und Vereidigung von Sachverständigen — das erinnert fast an die höfischen Rittertugenden, deren Erlangung und Erfüllung nur mit größter Fachkenntnis, äußerstem Geschick und jahrelanger Erfahrung zu erreichen waren. Nicht weniger wird von Sachverständigen verlangt, die eine der nachweislich höchsten Qualifizierungen im deutschen Sachverständigenwesen erlagen wollen: überdurchschnittliche Expertise, begleitet von der entsprechenden Berufserfahrung, ein unparteiisches und unabhängiges Handeln, weisungsfreie Entscheidungen, eine objektive Betrachtungsweise und Gutachtenerstattung sowie persönliche Zuverlässlichkeit und Integrität. Nicht weniger wird für den Titel verlangt. Der akute Nachwuchs- und Fachkräftemangel zeigt: Der Bedarf ist groß, das Arbeitsvolumen eines fast jeden Sachverständigen (extrem) hoch, und das Meistern der Hürden auf dem Weg zur öffentlichen Bestellung und Vereidigung eine Herausforderung. Dennoch sind Sachverständige in ihrer Bedeutung aus der Öffentlichkeit, dem Justizwesen und in der privatgutachterlichen Tätigkeit nicht wegzudenken. Ebenso wenig wie das Rittertum aus dem Hochmittelalter.

Ein Blick auf die Objektivität

Für einen objektiven Blick auf einen Gegenstand, eine Situation, eine Sache oder Person werden mindestens zwei Blickwinkel gebraucht. Eine Standortbestimmung erfolgt mittels Längen- und Breitengrade; lineare Funktionen können mittels zweier Punkte berechnet werden. Im Justizwesen werden stets beide Parteien gehört. Die verschiedenen Blickwinkel bemühen sich um eine möglichst objektive Sichtweise. Auch in den Wissenschaften geht es um evidenzbasierte Verifizierungen der Ergebnisse. Sachverständige kommen auf Grund ihres Fachwissens und angewendeten Methoden zielsicher zu einem überprüfbaren Ergebnis. Eine große Verantwortung, denn ihre Fachkunde ist Richtern, Auftraggebern etc. nicht gegeben. Diese verlassen sich auf deren Gutachten. Das erklärt, warum die persönlichen Eigenschaften hier explizit gefordert werden, denn es geht um die ethische Verantwortung eines Sachverständigen. Fakten lassen sich nicht ändern, oder doch?

Als die Beraterin des US-Präsidenten Kellyanne Conway im Januar 2017 in einer US-amerikanischen Talkshow von "alternativen Fakten" sprach, drückte sie damit nicht weniger aus, als dass man die Wahrheit modifizieren könne, wenn die nicht in die "richtige" Form passt. Nun lässt sich aber der Unterschied zwischen wahr und falsch nicht verwischen, wie schon der französische Philosoph, Mathematiker und Naturwissenschaftler Rene Descartes vor über 250 Jahren feststellte.

Nehmen wir die ö.b.u.v. Sachverständigen des Bauwesens, des Kraftfahrzeugwesens oder der Innenraumhygiene und Naturwissenschaften als Beispiel: Wahr oder falsch ist keine Frage des Standpunkts. Analyse, Diagnose, Schadensermittlung, Statik etc. sind im Ergebnis faktenbasiert. Möglicherweise gibt es in der Philosophie, Politik und Geisteswissenschaft eine subjektive Bewertungskomponente, nicht aber in den wissenschaftlichen Methoden und ihren Anwendungen. Mathematik lügt nicht.

Was heißt das nun für den Sachverständigen? Die Vereidigung verpflichtet zur Wahrheit. Unter Einbeziehung seines Wissens und seiner Berufserfahrung verpflichtet er sich zur unabhängigen Gutachtenerstattung. Zeit, sich wieder bewusst zu machen, welch ein hohes Gut dies in Zeiten von alternativen Wahrheiten und "fake news" ist.

Die besondere Sachkunde

Ein Kampfjettestpilot der Deutschen Bundeswehr braucht inklusive Studium, Training, Weiterbildung etc. circa 18 Jahre für seine Ausbildung und ist als "menschlich-fachliches Investment" circa 7 Mio. Euro wert. Ärzte studieren im Schnitt sechs Jahre Medizin und brauchen nochmals circa sechs Jahre für Ihre Facharztausbildung, können also nach ca. 12 Jahren in ihrem Fachgebiet geprüft werden und die Facharztreife erlangen. Und Sachverständige? Viele Wege führen nach Rom. Es braucht eine fundierte Ausbildung, oft einen akademischen Abschluss, Erfahrung, persönliche Reife, ehe der Weg in Richtung öffentliche Bestellung und Vereidigung eingeschlagen werden kann. Im Vergleich zu anderen Freien Berufen ist aber der Begriff "Sachverständiger" gesetzlich nicht geschützt. Folglich kann sich jeder, der sich für geeignet und berufen hält, als Sachverständiger bezeichnen. Ein Qualitätsgarant ist die öffentliche Bestellung und Vereidigung zum Sachverständigen. Um das Gütesiegel der öffentlichen Bestellung zu erhalten, müssen sie sich einem aufwändigen Prüfverfahren unterziehen. Derzeit stehen den Gerichten, Behörden, Unternehmen und Verbrauchern insgesamt circa 17.000 öffentlich bestellte und vereidigte Sachverständige zur Verfügung. Doch der Bedarf ist groß und wächst. Zudem kommen auf Grund der technischen, wissenschaftlichen und industriellen Entwicklung neue Berufe hinzu, und damit auch neue beziehungsweise sich verändernde Bestellungsgebiete.

Unparteiisch, unabhängig und weisungsfrei

Denkt man an eine unparteiische und unabhängige Tätigkeit, so kommt wohl dem Laien als erster Gedanke der Schiedsrichter bei einem Fußballspiel in den Sinn. Vom so genannten "Unparteiischen" erwarten Spieler, Mannschaft und Zuschauer die objektive Entscheidung. Der korrupte Schiedsrichter Robert Hoyzer, Hauptpersonen im Fußball-Wettskandal 2005, manipulierte Spiele gegen Sach- sowie Geldzuwendungen, indem er den Ausgang von ihm geleiteter Fußballspiele beeinflusste. Als Folge seiner Straftat wurde Hoyzer 2005 vom Deutschen Fußball-Bund (DFB) gesperrt.

Das Beispiel zeigt, wie selbstverständlich die Eigenschaften "unparteiisch" und "unabhängig" im Kontext des Sachverständigenwesens gebraucht werden, und wie elementar diese doch für weisungsfreie Gutachten sind. Es bedarf der realen, gelebten Berufsethik, die das moralisch und fachlich korrekte Handeln folgerichtig impliziert. Das bedeutet im Ergebnis, dass Dritte (Parteien), denen ein Gutachten vorgelegt wird, sich auf die Ergebnisse verlassen können. Das neutrale Gutachten stärkt die Position des Auftraggebers, da er auf eine unabhängige Gutachtenerstattung zurückgreift. Nicht zuletzt verlangt das Prozessrecht, bevorzugt auf die öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen als Gerichtsgutachter zurückzugreifen. Ist Sicherheit für unternehmerische, gerichtliche und private Entscheidungen gefragt, ist sicherlich die Dienstleistung der ö.b.u.v. Sachverständigen Garant für ein fundiertes Gutachten, das Bestand hat.

Quelle: Der Sachverständige, Ausgabe 9/2019, Artikel von BVS-Pressereferentin Regina Iglauer-Sander, gekürzt

nach oben springen